Schreiben ist nichts für Angeber

 

Ein Plädoyer für klare und einfache Texte

 

Du bist richtig klug.

Damit alle das sehen, schreibst du auch so: komplex und hochgestochen.

Dein Hauptziel: Beeindrucken.

Das hat auch schon oft geklappt. Deine Aufsätze in der Schule gaben deine Mitschüler dir beeindruckt zurück: „Wow, was du alles weißt!“ Verstanden haben sie zwar nichts. Aber es hörte sich klug an, was du geschrieben hast.

Das Gleiche im Studium: Die Professorin soll merken, dass du besser bist als die anderen. Also schriebst du:

„Er begreift die Gesellschaft als Totalität in dem streng dialektischen Sinne, der es verbietet, das Ganze organisch aufzufassen nach dem Satz…“

Und wir verstehen: gar nichts. Wenn wir das jetzt auch noch zugeben, hast du dein Ziel erreicht. Du fühlst dich überlegen. Die Aussage „Ich verstehe es nicht“ empfindest du als Kompliment. Genauso muss sich der Soziologe Habermas gefühlt haben, der den Text tatsächlich geschrieben hat.

 

Ich bin überzeugt:

Die Produzenten solcher Texte haben entweder ein Ego-Problem, oder tatsächlich nichts zu sagen. Denn hat man etwas zu sagen, dann kann man es klar und deutlich tun.

 

Texte haben genau zwei Zwecke:

Sie sollen informieren oder unterhalten – am besten beides zusammen. Das Lesen von Texten soll keine Arbeit sein. Wenn jemand sich erst dazu zwingen muss, deinen Text zu lesen, hast du verloren.

Das gilt übrigens für wissenschaftliche Texte genauso wie für Romane und Zeitungsartikel. Mache es den Leuten nicht unnötig schwer. Klar sind wissenschaftliche Themen komplex. Aber auch die kann man einfach und kompliziert darstellen.

 

Was du dir von der leichten Sprache abgucken kannst

Ich persönlich liebe die leichte Sprache. Geschmacksprobe gefällig?

 

Inklusion

(in leichter Sprache erklärt)

Alle Menschen sind verschieden.

Das ist gut so.

Sonst wäre unser Leben langweilig.

Bei Inklusion gehören

alle Menschen zur Gesellschaft dazu.

Niemand wird ausgeschlossen.

Frauen gehören dazu.

Menschen aus einem anderen Land gehören dazu.

Alte Menschen gehören dazu.

Kinder gehören dazu.

Menschen mit Behinderung gehören dazu.

Zum Beispiel Rollstuhlfahrer.

Oder Menschen mit Lern-Schwierigkeiten.

ALLE gehören zu unserer Gesellschaft.

Quelle: http://www.inklusion-in-sachsen.de/de/in-leichter-sprache/130408-Inklusion-in-leichter-Sprache.pdf

 

Natürlich sollst du jetzt nicht auch so schreiben. Aber du kannst dir einiges von der leichten Sprache abgucken. Hier drei Beispiele aus den Regeln für leichte Sprache, die du sofort übernehmen solltest:

 

1. Trenne lange, zusammengesetzte Wörter mit einem Bindestrich.

Das ist zwar nicht 100% korrekt, doch es erleichtert den Lesefluss ungemein und ist daher legitim.

Schlecht: Bundesgleichstellungsgesetz

Gut: Bundes-Gleichstellungs-Gesetz

Quelle: Die Regeln für leichte Sprache von www.leichte-sprache.de

2. Schreibe Abkürzungen aus.

Nicht:

„Bringt z.B. Marmelade, Brötchen und Honig mit, d.h. alles, was man zum Frühstück braucht.“

Sondern:

„Bringt zum Beispiel Marmelade, Brötchen und Honig mit, das heißt alles, was man zum Frühstück braucht.“

Das ist zwar länger, aber es lässt sich leichter lesen.

3. Benutze Verben statt Nominalkonstruktionen

Nicht:

Eine Renovierung der Stadthalle ist geplant.

Sondern:

Die Stadtverwaltung will die Stadthalle renovieren.

Texte sollen sich erschließen statt verschließen

Ich will kein Wörterbuch neben mir liegen haben, um deinen Text zu verstehen.

Ich will auch nicht lange nachgrübeln müssen, was du mir sagen willst.

Also schreib bitte so einfach wie nur möglich. Das werden dir alle Leser danken. Und wenn dein Ego damit ein Problem hat, dann lebe das woanders aus. Vertraue darauf: Ein guter Text wird Anerkennung finden – gerade, weil er simpel und klar ist.

Was nicht heißt, dass du die wunderbare Vielfalt der deutschen Sprache nicht nutzen sollst. Doch übertreibe es nicht mit Fremdwörtern. Wechsele kurze und lange Sätze ab. Und – das ist mein letzter Punkt – überlege dir, was du rüberbringen willst.

 

Was ist deine Message?

Es gibt Texte, die unterhalten, aber bei denen nichts hängen bleibt. Da werden ein paar nette Geschichten aneinandergereiht, Zahlen eingestreut, aufmerksam machende Zwischenheadlines eingefügt, aber es fehlt der Zusammenhang. Und am Ende ist man genauso klug wie zuvor. Wirklich schade!

Also überlege dir gleich zu Beginn: Was ist deine Kernaussage? Was willst du mit deinem Text erreichen? Schreib das auf. Dann hast du es vor dir liegen und du verlierst dein Ziel nicht vor lauter Schreiben aus den Augen.

Und ganz wichtig: Frage dich: Für wen schreibe ich? Dazu mache ich noch einen eigenen Artikel, wie Zielgruppenansprache gelingt…

Manche Menschen schreiben am Anfang nur Zwischenüberschriften untereinander. Das kann gelingen. Sie gliedern so ihren Text einmal durch und überlegen sich von vorn bis hinten einen roten Faden. Erst dann beginnen sie mit dem Schreiben.

Andere schreiben einfach los, was ihnen in den Sinn kommt und gehen anschließend noch zwei bis drei Mal über ihren Text drüber. Das ist gut, wenn man Angst vor weißen Blättern hat. Ist eine Seite erst einmal vollgeschrieben, werden viele ruhiger: Sie haben ja schon etwas geschafft.

Du siehst, es gibt nicht den einen Weg hin zu klaren und einfachen Texten.

Probiere aus, welche Methode zu dir passt.

 

Und noch ein Tipp: Oft sprechen wir viel klarer, als wir schreiben. Also erzähle jemanden von dem, was du schreiben willst. Lasse ein Mikrofon mitlaufen. Schreibe es so auf, wie du es gesagt hast. Und feile dann an deinem Text. Gern unterstütze ich dich dabei.

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